Unterstützt die Crowdfundingkampagne auf, dass sein Traum einer Reise zu den Orten seiner Jugend wahr werden kann:
www.startnext.de/hansbaer
80 Jahre lang hat Hans Bär nicht mehr Deutsch gesprochen, seit er mit 14 Jahren nach Argentinien floh. 80 Jahre sind vergangen seit seine Heimat zur Hölle wurde. Seit Kameraden ihn plötzlich nicht mehr grüßten, ihn beschimpften, das Dorf nicht mehr im Laden seines Opas einkaufte oder die Lehrersöhne ihn morgens in der Schule zusammenschlugen, weil ein Jude nicht den Hitlergruß machen dürfe. Vor 80 Jahren bestieg er in Hamburg mit seiner Mutter das Schiff nach Buenos Aires. Der Rest seiner Familie blieb zuhause in Wohnbach, Hessen – keiner von ihnen überlebte. Dies ist die Geschichte von Hans Bär. Ein Leben von Flucht und einem Neuanfang in Argentinien. Das Leben eines außergewöhnlichen Menschen.
„Mir hat es nie an Arbeit gefehlt“ wiederholt Hans Bär mehrere Male auf Spanisch, als wir uns kennenlernen, während seine Enkelin Marlene Tee serviert. Draußen bläst der patagonische Wind, es ist Winter in Puerto Madryn, Argentinien. Hans sitzt auf dem Sofa mit einer Tasse Tee in der Hand und lächelt. Er schaut aus wie ein sehr zufriedener Opa. „Ich kann mich wirklich nicht beschweren, ich hatte immer Arbeit.“ Er arbeitete als Mechaniker in Kühlhäusern der argentinischen Großstadt Rosario – bis zu seinem 84. Lebensjahr. Dann hat er einen Unfall und sieht ein, dass es an der Zeit ist, in Rente zu gehen.
Von der Arbeit in den Kühlhäusern erzählt er eine Geschichte nach der anderen, davon wie sie eine Rinderzunge heimlich brateten oder von Rulemax. „Du kennst Rulemax nicht?“ fragt er mich entsetzt. Seine Leidenschaft ist der Fußball, er spielt in mehreren Clubs und ist viele Jahre lang Trainer. „In Rosario habe ich den Krieg vergessen, ich wollte von alldem nichts wissen.“
Hans versteht kein Deutsch mehr. Sein Leben in Deutschland liegt 80 Jahre zurück. Auch einfache Worte kann er weder erinnern noch verstehen. Und wie er dankbar auf sein Leben zurückblickt, könnte man fast vergessen, dass sein Leben alles andere als Dankbarkeit erregend ist. „In den fünf Jahren von 1933 bis 1938 habe ich sehr viel gelitten“ erzählt er. „Ich war der einzige jüdische Schüler auf der Grundschule in Wohnbach. Auf der Schule waren wir 80 Kinder und zwei Lehrer, die uns in allen Fächern unterrichtet haben. Meine Lieblingsfächer waren Mathe und Geographie.“
Als Hitler die Macht übernimmt ist Hans zehn Jahre alt. Die Atmosphäre in ganz Wohnbach verändert sich – auch auf seiner Schule. „Eines Morgens verprügelten mich die zwei Söhne vom Lehrer Wagner. Du bist Jude, du darfst den Hitlergruß nicht machen, haben sie gesagt. Meine Mutter hat sich beschwert, aber vergebens. Sie haben uns beschimpft.“ Die Schule beginnt für ihn eine Qual zu werden. Er will nicht mehr zur Schule gehen. „Ihr Juden habt die Schuld daran, dass wir den Krieg verloren haben, haben sie zum Beispiel gesagt. Dabei ist es mein Vater gewesen, der mit den anderen aus dem Dorf in den Ersten Weltkrieg gezogen und wurde in Polen verwundet wurde. Sie haben Geschäfte zerstört. Bei uns im Dorf zum Glück nicht so sehr. Aber mein Großvater Levi hatte einen Laden. Bei ihm haben nicht mehr viele eingekauft. „Verräter“ hat man uns genannt oder uns „Hau ab“ hinterhergerufen.“
Die Arbeitslosigkeit sei überall zu spüren gewesen, meint Hans. Besonders die Kinder von Arbeitslosen schikanieren und beschimpfen ihn. „Der Hitlerismus war je nach Gegend unterschiedlich stark. Zuerst haben sie die armen Juden schikaniert. Die reichen Juden haben Hitler zunächst unterstützt, da er gegen den Kommunismus kämpfte.“
Nach Hitlers Machtübernahme werden auch Truppen in der Gegend stationiert. Die Schwarzen waren die SS, die gelben die SA, erinnert sich Hans. „Die Hitlerjugend war wie ein Club, nur dass es eine politische Partei war. Auch mit der Schule sind wir zum Beispiel Truppen besuchen gegangen, haben ihnen bei Manövern zugeschaut – und wurden auch selbst trainiert. Nachmittags hatten wir Turnunterricht. Während den Übungseinheiten war ich der Infanterie zugeteilt und musste üben, Granaten zu schmeißen.“
Wenn Hans zurückdenkt, wussten damals bereits alle, dass ein Krieg bevorstehen würde. „Schon als kleiner Junge wurde mir eingebläut, dass Frankreich der Feind ist. Kinder sind leicht zu beeinflussen. Wir waren fünf oder sechs Jahre alt und uns war klar, wir werden gegen Frankreich in den Krieg ziehen. Sie haben uns für den Krieg trainiert. Bei meinem Onkel in Mannheim oder Friedrichshafen, ich weiß nicht mehr welcher Ort, wurden unterirdische Kasernen errichtet. Die Leute dachten, man müsse Deutschland verteidigen.“
Vor Hitler war das Leben auf dem Dorf sehr ruhig, berichtet Hans. „Wir haben uns gut mit unseren Nachbarn verstanden. Bei der Kartoffelernte wurde immer gefeiert. Es bleiben kleine Kartoffeln auf dem Feld liegen. Wenn dann alle Erntereste zusammengelesen werden und ein Feuer gemacht wird, bleiben knackige Kartoffeln übrig.“
Hans erzählt eine Anekdote aus seiner Kindheit. Mit 8 oder 9 Jahre alt findet der Lehrer, dass er und ein paar andere Kameraden so übel singen, dass er sie aus dem Musikunterricht wirft. Stattdessen müssen sie das Mofa vom Lehrer putzen. Beim Putzen bauen sie es auseinander und wissen hinterher nicht mehr wie man es zusammenbaut. „Und jeder weiß was das bedeutet“, lacht Hans „Wir haben vorsorglich Karton unter unsere Hosen gelegt. Denn der Hintern wird auch nur bei einem kleinen Fehler versohlt. Man musste sich über geradlinig über den Tisch beugen, damit der Lehrer zur Rute greifen und zuschlagen kann. Mit dem Karton in der Hose war es weniger schmerzhaft.“
Hans lacht. Ihm scheinen diese Zeiten fern zu sein. 76 Jahre seines Lebens lebt er in Rosario. Als seine Frau vor vier Jahren stirbt, beschließt er nach Patagonien zu ziehen, wo sein einziger Sohn mit seiner Familie lebt. Seine letzten Lebensjahre will er näher bei ihm und seinen drei Enkelkindern verbringen. Sein Leben meistert er selbständig, vom Haushalt bis zum Busfahren. Seine Erzählungen aus dem fernen Deutschland einer anderen Zeit könnten hier im beschaulichen patagonischen Leben nicht weiter weg klingen.
Hans‘ Vater Emil ist aktiv in der SPD – als Hitler am 5. März 1933 die Wahlen gewinnt, weiß er, was dies bedeutet. Ein paar Tage später fährt Hans‘ Vater mit dem Fahrrad über die Niederländische Grenze und wird dort als politischer Flüchtling aufgenommen. Dort bekommt er ein Jahr lang finanzielle Unterstützung als politischer Flüchtling. Daraufhin wird ihm von der Organisation Hirtsch (exakter Name muss noch recherchiert werden), Land in der Provinz Entre Rios in Argentinien versprochen. „Mein Vater kam für die Arbeit in der Landwirtschaft in Frage, weil wir auch zuhause in Wohnbach Land hatten und bewirtschafteten. In Entre Rios handelte es sich um eine jüdische Kolonie, in der arbeiteten viele Juden, um für den Zionismus zu sparen und eines Tages nach Israel auszuwandern. Mein Vater hat alle Papiere vorbereitet, sodass wir auch nachkommen konnten. Als er jedoch ankam, haben sie ihm das versprochene Land nicht gegeben. Nur drei Personen (er, Frau und Sohn) waren zu wenig.“ Hans‘ Vater muss weiterziehen und findet letztendlich Arbeit in einer Fabrik in der Stadt San Lorenzo.
Währenddessen bleiben Hans und seine Mutter zuhause in Wohnbach. Er geht weiter zur Schule, auf die er Tag für Tag weniger gerne geht. Eines Tages steht die Gestapo vor der Tür. „Man hat uns unsere
20 Hektar weggenommen. Es war unser zuhause. Am Rand des Dorfzentrums, drei Häuser mit einem Schuppen, wo die Ernte gelagert wurde.“
Nachdem ihnen die 20 Hektar entrissen wurden, ziehen sie zwangsweise nach Griedel, dem Geburtstort seiner Mutter. „Mein Opa August in Griedel war Metzger. Ich habe ihn begleitet und auf das Pferd aufgepasst. Es war an einer Stelle sehr kitzlig und ich habe es immer gekitzelt. Mein Opa August hat mit mir geschimpft. Der Bruder meiner Mutter, Julius, war reisender Kaufmann. Er hatte immer den neusten Opel aus der Fabrik. Er konnte sich später nach England retten.“
Vier Jahre später, im Jahr 1938, schließlich ist es so weit und zusammen mit seiner Mutter bricht er nach Hamburg auf – um mit dem Schiff nach Buenos Aires zu fliehen. Die Reichskristallnacht erlebt er nicht mehr. „Wir sind noch ein letztes Mal nach Wohnbach gefahren um uns von meinen Großeltern zu verabschieden.“ Es herrscht ein bedenklicher Moment der Stille im Raum. Auch wenn es Hans nicht ausspricht: Er sieht seine Großeltern nie wieder. Sie werden gemeinsam mit allen anderen jüdischen Familien deportiert und sterben in Konzentrations- und Vernichtungslagern.
Hans muss unterdessen mit seiner Mutter noch die letzten Hürden für die Ausreise überwinden. Die Zeit ist knapp und die Angst groß, dass noch etwas schiefläuft. Zurecht, denn seine Cousine Margot, zu der er eine besonders intensive Beziehung pflegte, schafft es später nicht mehr außer Land. „Das Visa für den Pass im Konsulat wurde erst eine Stunde vor Abfahrt der Schiffe gegeben. Als wir fahren wollten, war mein Pass nicht mehr da. Wir wussten alle, dass das eine übliche Praxis war, um uns zu schikanieren und Kinder von ihren Eltern zu trennen. Die Angestellten des Argentinischen Konsulats waren auch Deutsche. Es war ein Schreibtisch wie in der Schule, an dem wir im Konsulat das Visum bekamen. Ich lupfte das Tintentuch, das auf dem Schreibtisch lag, und darunter war mein Pass versteckt.“
Mit dem Schiff „Monte Rosa“ stechen sie in See. „Wir hatten die ganze Fahrt über große Angst. Das Schiff fuhr unter deutscher Flagge. Es wäre möglich gewesen, dass man uns wieder zurückschickte. Auch gab es damals Schiffe mit Juden an Bord, denen keine Landeerlaubnis erteilt wurden. Die Länder erlaubten immer nur bestimmte Kontingente an jüdischen Flüchtlingen.“ In Buenos Aires werden seine Mutter und er durch die Einwanderungsgebäude geschleust, wo ihre Papiere überprüft werden und ihnen Impfungen verabreicht werden. Da man nicht viel mitnehmen kann, nähen Hans und seine Mutter einen Ring in den Ärmel ein. „Am Zoll habe ich gezittert vor Angst, entdeckt zu werden.“, erinnert sich Hans. „In Buenos Aires angekommen hat uns mein Vater abgeholt. Die ersten Wochen haben wir in einem Zimmer geschlafen, das ein Typ meinem Vater vermietet hat.“
Hans spricht kein Wort Spanisch, als er ankommt. Die zwei Jungs, die zwei Häuser weiter wohnen, setzen sich abends mit ihn auf die Straße und sprechen. „Das sind „Sterne“, das ist der „Mond“, haben sie mir gezeigt. So habe ich Spanisch gelernt. Es gab auch komische oder auch peinliche Momente. Eines Tages habe ich eine Verkäuferin gefragt, was das Produkt sei, das „Preservativo“, also auf Deutsch Kondom, genannt wird. Als sie mir antwortete, war es mir so peinlich, dass ich nichts wie fort bin.“
Die Familie lässt sich in der argentinischen Großstadt Rosario nieder. „In Rosario habe ich den Krieg und Deutschland vergessen. Was scherte mich der Krieg. Ich war hier.“
Zehn Prozent des Lohns seines Vaters gehen an den „Templo“ wie sie die jüdische Gemeinde nennen, um den Zionismus zu unterstützen. Auch Hans Vaters bezahlt das Zehntel, sein Arbeitgeber ist auch Jude. „Das Judentum ist eine Religion. Für mich ist es eine Religion, mehr nicht. Man sagt die Juden seien Nomaden. Aber ich bin doch kein Israeli, ich war Deutscher.“ Bis heute hat Hans nur die deutsche Staatsbürgerschaft. In seinem Kasten kramt er seinen alten Reisepass hervor, auf dem das Hakenkreuz prangt. „Ich empfinde mich als Argentinier“ antwortet er auf die Frage, wohin er sich zugehörig fühlt „Ich hätte jedoch einen Anwalt gebraucht für die Argentinische Staatsbürgerschaft und meine Kinder und Enkel, die die deutsche Staatsangehörigkeit haben, würden sie sonst verlieren.“
„Die Religion habe ich respektiert solange meine Eltern gelebt haben. Danach habe ich mit der Religion nichts mehr zu tun gehabt. Aber ich habe auch nie verschwiegen, dass ich Jude bin.“ Hans erzählt eine Geschichte, die ihm Jahre später bei der Arbeit im Kühlhaus passiert. Er bekommt einen deutschen Vorgesetzen, der aus einer englischen Firma aus politischen Gründen gefeuert wird. „Als er mitbekam, dass ich Deutscher war, hat mit mir Deutsch geredet. Das war aber respektlos gegenüber den anderen Arbeitern, deswegen habe ich Spanisch gesprochen. Noch am selben Abend bekam ich das Telegramm, dass ich gekündigt war, weil ich dem Vorgesetzten nicht ordnungsgemäß geantwortet hatte – so der offizielle Grund. In Wirklichkeit war klar, dass er Nazi war und Juden nicht leiden konnte.“

So schnell wie Hans sich der neuen Heimat annahm, so schwer tat sich seine Mutter. Sie hat nie Spanisch gelernt und verstirbt Jahre später wie auch sein Vater. „Meine Mutter wollte kein Spanisch lernen und ist nur selten außer Haus gegangen. Für religiöse Feste ist sie zum Templo gegangen. Oder zum Einkaufen. Aber das war mir fast schon peinlich. Früher sind die Gemüsehändler mit einem Wagen auf der Straße gefahren und meine Mutter hatte immer zusätzlich noch ihre eigene Wage dabei, um das Gewicht zu kontrollieren. Sie hat immer und überall gehandelt. Früher waren die Preise nicht so fix wie heute. Als ich meine erste lange Hose kaufen war, habe ich mich in Grund und Boden geschämt.“
Überlebt hat von Hans‘ Familie niemand außer Großtante Ida, die Schwester von Großvater Levi. Sie überlebt das Konzentrationslager. Vor dem Krieg war sie Millionärin, da sie von einer reichen Familie aus Frankfurt adoptiert wurde. „Sie hat uns immer Geschenke gemacht wie zum Beispiel Schlitten oder Schlittschuhe. Als sie mir einen Fußball geschenkt hat, war der einzige Fußball im ganzen Dorf. Mein Gott, haben wir damit gespielt.“ Wenn es um Fußball geht, glänzen Hans‘ Augen. Er lacht.
Seit ein paar Wochen nimmt er an einem Deutschkurs teil. Er scheint den Kontakt mit seinen Wurzeln zu suchen. Er will noch einmal wieder zurück nach Wohnbach reisen. In den letzten Wochen ist er geradezu enthusiastisch mit diesem Projekt, er ist sehr neugierig darauf wie Deutschland heute aussieht. Er will die Autobahnen und die Felder sehen, meint er. Momentan planen wir gerade an der Reise. Wie wird er sich fühlen, wenn er zum ersten Mal seit 80 Jahren zurückkehrt in seine Heimat?
Unterstützt die Crowdfundingkampagne auf www.startnext.de/hansbaer, dass sein Traum einer Reise zu den Orten seiner Jugend wahr werden kann.